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Ich weiß schon alles

ich weiß allesHeute möchte ich mal einen Denkanstoss geben.

Wer weiß schon alles?

Manchmal – zum Glück sehr selten – kommt es vor, dass jemand die Geld-zurück-Garantie für meinen 12-Wochen-Kurs „Traumhund-Generator“ in Anspruch nimmt.

Man kann die Bestellung bis zu 30 Tagen nach Kauf ohne Angabe von Gründen stornieren. Wenn du mir schon länger folgst, weißt du ja, dass ich immer gerne frage.

Natürlich storniere ich wie versprochen die Bestellung, aber ich bitte um ein Feedback, weil ich es ja nur besser machen kann, wenn ich weiß, was nicht gepasst hat.

Erstaunliche Rückmeldung

Letztens bekam ich eine Rückmeldung, die mich wirklich verblüfft hat. Da schrieb mir jemand – nach 3 Tagen:

„Mir bringt dein Kurs nichts Neues. Was du da erzählst, weiß ich schon alles.“

Wahnsinn – Jemand, der alles weiß!

Respekt. Es ist ja nach 3 Tagen nur die erste Woche freigeschaltet. Ganz offenbar hat dieser Mensch sogar hellsichtige Fähigkeiten. Denn wie sonst kann er wissen, was in den nächsten 11 Wochen noch so alles im Kurs vorkommt?

Merkwürdig nur, dass er seine hellseherischen Fähigkeiten nicht vor dem Kauf eingesetzt hat. Sei es drum.

„Weiß ich schon alles“ bremst dich aus

Ich beschäftige mich seit 1997 mit dem Thema Hundeerziehung und anderen Themen rund um den Hund. Seit dieser Zeit besuche ich regelmäßig jedes Jahr viele Fortbildungen von vielen unterschiedlichen Menschen zu ganz unterschiedlichen Themen.

Und weißt du was? Je mehr ich lerne, je mehr ich erfahre, umso mehr merke ich, dass ich nicht sehr viel weiß.

Anfangs dachte ich noch: „Wow! Das weiß ich jetzt. Super! Toll.“

Lerngesetze, Verhalten, Gesundheit, Körpersprache und noch viel mehr. Tatsächlich hatte ich das Gefühl, dass ich immer schlauer werde.

Aber mit jedem Kurs, Seminar, Workshop merkte ich:  Es gibt noch viel mehr zu wissen. Ich kratze gerade mal an der Oberfläche. Es gibt so viele spannende Gebiete, bei denen ich noch mehr wissen wollte.

Ich weiß nichtsIm Grunde weiß ich nichts

Und je mehr ich nicht nur theoretisch dazu gelernt habe, sondern auch ganz praktisch – in über 20 Jahren Hundeschule und Hundepension -, umso mehr erkenne ich, dass ich noch nichts weiß.

Dass ich wirklich nur ein kleines Fitzelchen kennengelernt habe. Dass es da draußen noch viel mehr zu wissen und zu entdecken gibt. Und dass manches nicht so ist, wie es scheint.

Es gibt so vieles, das ich noch nicht weiß und nicht kenne. Es bleibt spannend und da ist noch viel mehr Potenzial. Je genauer man sich ein Thema anschaut, umso spannender wird es. Ich merke dann oft, dass es bisher nur ein Kratzen an der Oberfläche war.

Was passiert, wenn ich sage oder auch nur denke: „Weiß ich schon alles!“

Ich nehme mir selbst die Möglichkeit, etwas dazuzulernen. Ich nehme mir die Möglichkeit, zu wachsen. Ich nehme mir die Möglichkeit, Neues zu lernen und ich nehme mir die Möglichkeit für Veränderung.

Womöglich bin ich irgendwo auch total auf dem Holzweg, weil ich Zusammenhänge noch gar nicht erkannt habe. Aber ja, irgendwie ist das wohl auch bequem und der ein oder andere mag es so.

Ich habe immer etwas mitgenommen

Ich habe noch auf keiner meiner Fortbildungen gar nichts für mich mitgenommen. Es gab durchaus Kurse oder Workshops, zu denen ich mich nicht angemeldet hätte, wenn ich vorher gewusst hätte, was auf mich zukommt.

Aber gelernt habe ich immer etwas. Und wenn ich erkannt habe, wie ich es nicht machen möchte.  Ich kann ja nur beurteilen, ob mir etwas zusagt oder nicht, wenn ich es zur Kenntnis nehme. Wüsste ich gar nicht, dass es diese Möglichkeit gibt,  könnte ich auch nicht sagen, ob es für mich Sinn macht oder nicht. Ob ich mich damit wohl fühle oder nicht. Ob ich das ausprobieren möchte oder nicht.

Und nur, weil ich mir etwas anschaue, heißt das nicht, dass ich es kritiklos übernehme und gut finde.

Es gibt mit Sicherheit noch viele andere Dinge, von denen ich nicht mal ahne, dass es sie überhaupt geben könnte. Deshalb bin ich immer offen und würde nie sagen, dass ich schon alles weiß.

Eine Erkenntnis für’s Leben

Natürlich gibt es Unterschiede, was man aus einer Veranstaltung mitnimmt. Manchmal ist es nur eine einzige Erkenntnis. Aber eine Erkenntnis, die einen für’s Leben prägt, kann ja extrem wertvoll sein.

Ich möchte dir ein Beispiel von mir erzählen.  Als ich das erste Mal etwas von Clickertraining gelesen habe – es war 1998 -, war es relativ schwierig, Infos dazu zu kriegen. Es gab kein Buch darüber in Deutschland. Eine Minute Internet war richtig teuer, dafür aber extrem langsam.

Ich habe mir immer schon genau überlegt, wonach ich suche. Erst dann angemeldet im Internet, keine Sekunde mit Lesen verschwendet, sondern die Infos schnell ausgedruckt zum später lesen.

ErkenntnisDann las ich von einer Veranstaltung eines Beagle Clubs ganz in meiner Nähe, auf der Martin Pietralla einen Vortrag hält. Zu der Zeit hatte er nicht mal sein Buch über Clickertraining veröffentlicht. Ich hatte aber in einem Forum viele Sachen von ihm gelesen und wusste, dass das sein Thema war.

Natürlich habe ich mich gleich angemeldet. Dort sprach auch die Hundetrainerin Sabine Winkler. Sie sagte damals etwas, das meine Einstellung bis heute verändert hat.

Sie erzählte, wie sie sich immer über ihren Hund geärgert hat, wenn er mal etwas nicht gemacht hat. Und sie davon überzeugt war, dass er das doch „kann“. Oh, Mann – ich erkannte mich voll wieder.

Dann entschloss sie sich, mal genau hinzuschauen. Anstatt davon auszugehen, dass der Hund es kann und nur stur ist oder sie ärgern will, hat sie sich die Situation angesehen und überlegt, was dazu führen könnte, dass ihr Hund es gerade jetzt und in dieser Situation nicht macht.

Und hat dann festgestellt, dass sie ganz oft etwas erwartet hat, was sie so nie mit dem Hund geübt hat. Ihr Beispiel war „sitz“. Sie war davon überzeugt, der Hund kann es. Aber er machte es nicht. Als sie überlegte, woran es liegen könnte, fiel ihr auf, dass sie in jeder Hand eine Tasche trug. Das hatte sie nie zuvor geübt. Sie stellte die Taschen ab, schon ging es. Weil sie unbewusst eine kleine Handbewegung machte. Das war für den Hund das Signal für Sitz. Nicht das Wörtchen. Das war ihr nie aufgefallen. Jetzt wusste sie, was sie üben musste und das Problem war schnell gelöst. Der Hund mutierte vom sturen Hund zu einem, der sehr prompt folgte, wenn sie „sitz“ sagte.

Das hat alles verändert

Bei mir ist in dem Moment ein Groschen gefallen. Das war der Tag, an dem ich anfing, kritisch zu hinterfragen, was der Hund gelernt hat. Und seitdem gehe ich davon aus, dass der Hund es macht, wenn er weiß, was man von ihm möchte und es in der Situation auch machen kann.

Bis heute versuche ich, anderen Menschen diese Überlegungen zu vermitteln. Der Hund ist nicht stur, wenn er etwas nicht tut. Er kann es aus irgendeinem Grund in diesem Moment und genau dieser Situation einfach nicht.

Es ist Aufgabe des Menschen, sich zu überlegen, was jetzt anders ist und wie man dem Hund helfen kann oder was man noch mit ihm üben muss.

Ich weiß ehrlich gesagt sonst nichts mehr von dieser Veranstaltung. Ist ja auch schon ein paar Tage her. Aber diese eine Aussage ist so in meinem Kopf geblieben, dass sie meine komplette weitere Entwicklung beeinflusst und mein Leben verändert hat.

Offen seinSei offen

Eine solche Erkenntnis kannst du nur machen, wenn du bereit bist, Neues zu lernen. Wenn du sicher bist, dass du bereits alles weißt, machst du die Türen zu.

Deshalb möchte ich dich einladen, immer offen zu sein für andere Ideen, Gedanken und Meinungen. Schau dir alles an. Verlass dich nicht auf die Meinung dritter. Überzeuge dich selbst.

Vielleicht weißt du es tatsächlich schon und trotzdem weißt du es danach auf einer anderen Ebene. Das ist mir ganz oft so ergangen bei Themen, mit denen ich mich bereits beschäftigt hatte und wo ich mir noch mehr Aspekte dazu angehört oder gelesen habe.

Das Gehirn kann an ganz anderen Punkte anknüpfen und plötzlich tun sich Aspekte auf, von denen man nicht mal ahnte, dass es sie gibt. Das Wissen zu dem Thema war danach auf einem ganz anderen Level. Oder ich konnte es mit anderen Dingen verknüpfen, die ich in der Zwischenzeit gelernt hatte. Und so erschlossen sich ganz neue Möglichkeiten.

Deshalb nochmals der Appell: Sei immer offen! Sage nie, dass du schon alles weißt. Damit verschließt du dir die Chance, noch ganz viele neue spannende Dinge zu erfahren. Und womöglich beurteilst du sogar etwas als falsch, dabei hast du einfach nicht genug Informationen.

Ich finde es extrem wichtig, dass man offen ist für Neues. Und immer auch kritisch hinterfragt. Glaube nicht einfach alles – völlig egal, wer es dir erzählt. Auch, wenn es der größte Guru ist.

Tausche dich mit anderen Menschen aus

Erst recht, wenn jemand glaubt, allwissend zu sein und den einzig richtigen Weg zu kennen. Schau dir verschiedene Meinungen an. Tausche dich mit anderen Menschen aus.

Ich tausche mich regelmäßig mit anderen Trainerinnen aus. Wir sind nicht immer einer Meinung. Das ist völlig normal. Es geht um den Austausch. Es geht um Erfahrungen. Es geht darum, verschiedene Aspekte zu beleuchten. Es geht darum, herauszufinden, was gut funktioniert und was nicht.

So etwas kann ich nur herausfinden, wenn ich unterschiedliche Möglichkeiten kenne. Wenn ich von vorne herein sage, darüber weiß ich alles, bedeutet das für mich Stillstand. Weiterentwicklung ist nicht möglich.

Und dann wundern sich die Menschen, dass es genauso weitergeht wie bisher.

„Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“
(Albert Einstein oder jemand anders 😉 )

Wenn du möchtest, dass sich etwas ändert, starte bei dir. Dann kannst du auch ganz schnell das Verhalten deines Hundes ändern.

Claudia

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